Samstag, 19. April 2008
Beten per Mausklick? Religion(en) und Rituale im Internetzeitalter.
Auf der diesjährigen re:publica vom 2. bis 4. April in Berlin habe ich über die laufende Forschung zu Religionen im Internet am Institut für Religionswissenschaft der Universität Heidelberg gesprochen und einige Forschungsergebnisse und daraus resultierende theoretische Implikationen vorgestellt, die ich im Folgenden kurz paraphrasieren möchte. Die Ergebnisse sind die gemeinsame Arbeit einer Heidelberger Forschergruppe sowie Vorstudien zu meiner Dissertation. Die aufbereiteten Folien sowie eine vollständige Version des verschriftlichten Vortrags (einschließlich Fußnoten und bibliographischer Hinweise) gibt es hier als PDFs zum Download:
- Folien (4,4 MB)
- Vortragstext (632 kB).
Im Internet, insbesondere im WWW, gibt es eine Vielzahl religiöser Homepages, die von Sammlungen religiöser Primärquellen (wie Online-Bibeln u.ä.) über individuelle religiöse Homepages, Webseiten religiöser Gruppen und Gemeinschaften bis hin zu Webpräsenzen religiöser Institutionen reichen. Bereits vor der Popularisierung des World Wide Web wurde das Internet benutzt, um sich über religiöse Themen auszutauschen, beispielsweise in Newsgroups und Diskussionsforen. Insbesondere dem WWW ist es jedoch zu verdanken, dass das, was man zuvor als “unsichtbare Religion” bezeichnete, nämlich persönliche religiöse Glaubensanschauungen jenseits (und oft im Widerspruch zu) theologisch-dogmatischer Lehrmeinungen, nun sichtbar und somit erforschbar wurde. Es zeigte sich, dass die Akteure ihre Religion oft nicht im Sinne theologisch normierter homogener Systeme verstehen, sondern patchworkartig aus unterschiedlichen Traditionsströmen nach ihren Bedürfnissen zusammentragen.
Während jedoch im Zeitalter von “Web 1.0” meist nur die Ergebnisse solch individueller religiöser Konstruktions- und Patchworkprozesse sichtbar waren (etwa in Form statischer Homepages), lässt sich mit dem Aufkommen des sog. “Web 2.0” und sozialer Software häufig auch deren Formierung und Genese verfolgen, etwa über die Kommentar-, Trackback- oder Permalink-Funktion von Weblogs oder den Versionsvergleich- und die Diskussionen von Wikis wie Wikipedia. Insofern kann das Aufkommen des sog. “Web 2.0” nicht nur als technische und sozio-kulturelle Änderung in Nutzerverhalten und -wahrnehmung gegenüber moderner Internettechnologien gewertet werten, sondern stellt im religionswissenschaftlichen Sinn einen weiteren wichtigen Schritt zur Analyse der Konstruktionsprozesse von “Individualreligiosität” dar.
Im Bezug auf die neuen Nutzungsstrategien des Internet für religiöse Inhalte sprechen einige religiöse Akteure bereits von “Religion 2.0” oder – im christlichen Kontext – von “Kirche 2.0”, wobei sich dahinter ganz unterschiedliche Diskursstränge verbergen. Es gibt da zum Einen Initiativen, die versuchen, existente religiöse Gruppen und Institutionen mit den Mitteln sozialer Software eine größere Reichweite oder größere Aktualität zu verschaffen, wie beispielsweise die Agentur “ichurch”, die nach eigenen Angaben Kirchen beim Einsatz von Web 2.0-Technologien in ihren Gemeinden unterstützen möchte. Hier geht es in Zusammehang mit dem Begriff “Kirche 2.0” also im Wesentlichen um einen Wandel der Kommunikationstechniken und -strategien.
Dem häufig unterstellten partizipatorischen und antihierarchischen Charakter von “Web 2.0” werden mitunter auch christlich-theologische Dimensionen zugeschrieben. So sprach Peter Weibel vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe bei einem Interview anläßlich des Evangelischen Kirchentags 2007 als Antwort auf die Frage, inwieweit die Kirche vom Web 2.0 lernen könne, von den Gemeinsamkeiten von Urchristentum und Web 2.0: “Das Web 2.0 hat von der Kirche gelernt. Nämlich die Idee der Gemeinschaft und des Teilens. Blogs und Video-Communities sind Gemeinschaften und die Ur-Gemeinschaft, die wir kennen, ist die christliche.”
Umgekehrt werden jedoch auch Charakteristika und Terminologien des “Web 2.0” auf theologische Inhalte angewandt. Der Blogger “Pastor Buddy” stellt in einem Beitrag eine Liste von 10 Dingen auf, die seiner Meinung nach “die Kirche vom Web 2.0 lernen kann”. Dazu gehören beispielsweise Punkte wie “Dezentralisierung von Wahrheit”, “Beteiligung aller”, “Organische Entwicklung von Autorität / Leiterschaft”, “Verknüpfen von Angeboten” und “ein neues Besitzverständnis”. - Alles Attribute, die als grundlegenden Ideen sozialer Software gelten.
Pastor Buddy und sein Blog kann der sog. kann der sog. “Emerging Church” zugerechnet werden, eine dezentrale und recht heterogene Bewegung von Christen verschiedener Traditionen mit dem Ziel, das Christentum für die Postmoderne zu (de- / re-)konstruieren. Es geht dabei stark die Einbindung rezenter Kultur in die Theologie und ein holistisches Gottes- und Gottesdiensterleben, was mit Liturgieinnovationen und Konzepten wie partizipatorischer Leiterschaft, dem Einsatz von Kunst und multimedialen Elementen und der Kombination traditionell religiöser und moderner / populärkultureller Elemente einhergeht. Rezente Webtechnologien können für die “Emerging Church” als maßgebliche Faktoren von Gruppenbildungs- und Strukturierungsprozessen identifiziert werden und dienen außerdem als wichtige Kommunikations- und Vernetzungsplatform.
Wie wichtig die Gedanken von “Web 2.0” jedoch auch für das Selbstverständnis und die inhaltliche und theologische Grundlegung der Bewegung sind, fasst der Neuseeländer Andrew Jones, einer der Vordenker der Emerging Church, in einem Blogbeitrag prägnant zusammen:
“Church 2.0 … a missional ecclesiastic response to a culture influenced by the values of Web 2.0. (…) I am not talking about cyberchurches that migrate to the web. I am talking about alternative faith communities that emerge online and then seek physical meetings, new aggregations of believers that connect with each other and the world through the complex networks that make up their world 2.0.”
Jedoch wurden nicht nur private und öffentliche, sondern auch wissenschaftliche Diskurse um Religion(en) von Web 1.0 und 2.0 beeinflusst und verändert. Religionswissenschaftlich relevant dürfte hier insbesondere die Abkehr von der Auffassung von Religion als festgefügtes System, hin zu eine Akteursperspektive sein. Weiterführende Analysen der Internetbefunde zeigten dabei, dass die online gewonnenen Befunde lediglich einen neuen Blickwinkel darstellten, der auch auf Religionen und religiöse Individuen aus der Zeit vor dem Internet valide und anwendbar ist.
Die Relevanz insbesondere des Web 2.0 auf die religiöse Landschaft online wie offline ist eines der Hauptthemen meiner Dissertation und wird hoffentlich im Zuge meiner weiteren Forschung – und vermutlich auch in weiteren Beiträgen in diesem Blog – noch weiter fokussiert werden.











on Mittwoch, 23. April 2008 um 19:53:
Das ist m.E. ein tolles Forschungsvorhaben und ich finde es auch sehr gut, dass Vortrag und Erkenntnisse auch im Internet präsentiert werden. So wird Religionswissenschaft vielen zugänglich, klasse!
Habe es auf meinem Blog lobend erwähnt und verlinkt: http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4874670/
Mit om-igen Grüßen! (-:
Michael Blume
on Freitag, 25. April 2008 um 09:10:
Simone Heidbrink: Beten per Mausklick?…
Über “Religion(en) und Rituale im Internetzeitalter” sprach die Religionswissenschaftlerin Simone Heidbrink auf der diesjährigen re:publica. Worum geht es dabei?
Abstract
Die Popularisierung des Internet ging auch an der religiösen Land…
on Samstag, 10. Mai 2008 um 03:38:
Super! Genau wie Michael finde ich es auch toll, das solches Wissen online geht. Ich hoffe es folgen mehr.